. Die pionierhafte Siedlung wurde im Auftrag der Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien der Stadt Zürich in der Tradition einer Gartenstadt erbaut und bietet seither vielen Generationen von Familien eine ganz besonere Heimat. Fünfzig Jahre nach Entstehung der Siedlung liegt nun ein stimmungsvolles und ispirierendes Dokument über das multikulturelle Zummenleben in der aufwendig sanierten Wohnsiedlung Au vor.

FORTSETZUNG BUCHBESCHRIEB | KINDERREICH AU

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EINBLICKE | KINDERREICH AU

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Daniel Kurz
Eine Insel in der Zwischenstadt
(.)

Die Gartenstadt

Die ersten Siedler in der Auzelg kamen aus der Stadt. Es waren Arbeitslose, denen die Stadt Zürich 1941 einfache Häuser mit grossen Gärten zur Selbstversorgung zur Verfügung stellte. Die Häuser mit den markanten Schopfanbauten sind bis heute am Aemmerliweg erhalten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es zwar bald wieder Arbeit – dafür grassierte in der Stadt die Wohnungsnot. Vor allem Familien mit vielen Kindern wussten sich kaum zu helfen. Für Neubauwohnungen zahlten sie ein Drittel und mehr von ihrem – ohnehin knappen – Lohn. Für sie wurde 1952–54 die Siedlung Au gebaut. Wegen der grossen Wohnungsnot nahm die Stadt Zürich das Recht in Anspruch, das Bauland zwangsweise zu enteignen. Bauherrin der Siedlung war die «Stiftung Wohnfürsorge für kinderreiche Familien der Stadt Zürich», die seit 1924 besteht. Zu ihrem dreissigjährigen Jubiläum wollte sie idealen Wohnraum für Familien schaffen. Und das hiess nach damaligem Verständnis: Eigenes Haus, eigener Garten, viel Natur und möglichst kein Zank im Treppenhaus. Die Vorteile eines eigenen Hauses hatten selbstverständlich ihren Preis. Sie wurden mit äusserst knappen Hausgrundrissen, einfacher Ausstattung und der abgelegenen Lage erkauft.

Der Traum vom eigenen Haus für Alle wurde in jener Zeit von vielen geteilt. Politiker setzten sich ebenso dafür ein wie moderne Architekten und Architektinnen. Sie planten in der Nachkriegszeit Gartenstadt-Quartiere: Siedlungen mit erschwinglichen Reihenhäuschen in grüner Umgebung. Der Zürcher Bauvorsteher Heinrich Oetiker, ein Architekt und Stadtbaumeister Albert Heinrich Steiner verwirklichten dieses Konzept in Zürich Nord auf breiter Basis, meistens zusammen mit den gemeinnützigen Baugenossenschaften.

Die Arbeiterquartiere der Innenstadt hatten damals als Wohnort keinen guten Ruf. Architekten und Planer kritisierten die bauliche Dichte, den Lärm und die Unruhe, die dort herrschten. Das Wohnen in der «Mietskaserne» galt nach ihrer Ansicht als ungesund: Zu viele Kneipen in der Nähe, zu viel Nachbarschaft im Haus und zu wenig Privatsphäre. Nicht zuletzt fürchteten sie politische Unruhe im Arbeiterquartier und hofften, wie Stadtbaumeister Steiner, dass im Einfamilienhaus «bessere Staatsbürger» erzogen würden. Werner Jaray, einer der Architekten der Siedlung Au, sah in der Grossstadt überhaupt eine «Fehlkonstruktion» von unmenschlichen Dimensionen. Für die neuen Wohnquartiere der Nachkriegszeit orientierten er und seine Zeitgenossen sich daher nicht an städtischen Vorbildern, sondern am Dorf: Die Gartenstadtsiedlung sollte die Vorteile der Stadt mit den Vorzügen des Landlebens vereinen. Die Siedlung Au verkörpert diese Idee in Reinform. Von freier Natur umgeben, gruppieren sich ihre Häuserreihen rund um den Dorfplatz, in dessen Mitte das Punkthaus steht.


Junge Architekten

Sechs Architekturbüros waren 1950 eingeladen, für die künftige Siedlung Entwürfe zu verfassen. Aus dem Wettbewerb gingen zwei junge Architektenteams als Sieger hervor, die miteinander die Siedlung konzipierten und je einen Teil der Häuser zu realisieren hatten. Die Architekten Cramer, Jaray, Paillard hatten schon als Studenten 1946 – 48 ihre erste Holzbausiedlung im aargauischen Rekingen realisiert, die in Fachkreisen Furore machte. Bis in die achtziger Jahre gehörten sie zu den führenden Architekten im Raum Zürich. Das ebenfalls sehr namhafte Büro Baerlocher & Unger realisierte 1965 für die Stiftung Wohnen für kinderreiche Familien eine weitere Siedlung in Leimbach.

Das gemeinsame Siedlungskonzept bildet an der Verzweigung der Opfikonstrasse einen Dorfplatz, den das (etwas später konzipierte) kleine «Hochhaus» beherrscht, für das die Architekten gegen behördliche Widerstände sehr zu kämpfen hatten. Hier weitet sich der Raum zwischen den Häuserzeilen; in dem offenen Bereich liegen Laden, Kindergarten und Schule. Je zwei bis drei Häuserreihen sind zu dichten Komplexen zusammengefasst, zwischen denen offene Freiflächen liegen. Die Architekten dachten dabei an die grosse Zahl der Kinder, die zwischen den Häuserreihen herumtoben würden: 550 Kinder (und 300 Erwachsene) bevölkerten 1954 die Siedlung Au. Daher waren nur kleine private Hausgärten vorgesehen, umgeben von möglichst viel offener, parkartig gestalteter Freifläche. Pflanzland stand am Rand der Siedlung zur Verfügung.

Schon die Wettbewerbsentwürfe gingen davon aus, die Wohnsiedlung überwiegend aus Holz zu bauen. Diese Idee war um 1950 durchaus modern und pionierhaft. Die Siedlung «Gwad» in Horgen von Hans Fischli war 1938 die erste grössere Holzsiedlung in der Schweiz. In Bern-Bethlehem bauten Hans und Gret Reinhard 1946 eine Kolonie für die Bau- und Holzarbeiter-Gewerkschaft in Holz, in der Stadt Zürich gab es um 1950 erst wenige, zaghafte Vorbilder, zum Beispiel im Mattenhof (Schwamendingen). In der Auzelg liessen die Baubehörden Holz zu, weil die Lage am Stadtrand, die Abstände der Häuserzeilen und die vorkragenden Brandmauern eine Feuerkatastrophe praktisch ausschlossen.


Schwedisches Rot

Woran sollte sich die Schweizer Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg orientieren? Die Architektur im Nachbarland Deutschland war 1945 nach zwölf Jahren Nationalsozialismus gründlich diskreditiert. Alles, was auch nur entfernt nach Monumentalarchitektur aussah, war der jungen Generation verdächtig. Auch an den USA mochten sich die jungen Schweizer Architektinnen und Architekten nicht ohne Vorbehalte orientieren, zu sehr dachte man auch dort an imposante Grossbauten und Wolkenkratzer. In Frankreich und Italien war der Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen gerade erst in Gang gekommen.

Die grosse Alternative für junge Schweizer und Schweizerinnen waren um 1950 die nordischen Länder: Finnland, Dänemark und Schweden. Sie waren demokratisch und fortschrittlich verfasst und brachten neue soziale Ideen hervor. Ihre undogmatische Modernität verband sich mit traditionellen Motiven und Baumaterialien zu einer menschengemässen Architektur: Backstein, Holz und kräftige Farben kennzeichnen die nordische Nachkriegsarchitektur.

Einige dieser Elemente finden sich auch in der Siedlung Au. Kein Wunder: «Wir waren hundertprozentig erfüllt von der schwedischen Architektur», sagt Architekt Claude Paillard heute im Rückblick, «obwohl wir gar nie selber in Schweden waren.» Schwedische Einflüsse finden sich schon im Baumaterial Holz, das in Schweden häufig im Wohnungsbau eingesetzt wird. In der Au liess man die Fassadenbretter nach schwedischem Vorbild ungehobelt und strich sie mit kräftig leuchtendem «Schwedischrot». Die Farbe musste eigens importiert werden. Wie oft im Norden, wurden leuchtend weisse Fenstereinfassungen und Massivmauern als Kontrast gesetzt.

Nordisch-modern war auch der Verzicht auf allzu feingliedrige Details. Die Siedlung Au ist frei vom konservativ heimatlichen Einschlag des Landi-Stils, der die Schweiz in der Nachkriegszeit dominierte. Trotz der Holzbauweise und dem dörflichen Massstab wirkt sie modern im Sinn der fünfziger Jahre. Es ist die Kunst der Beschränkung und der Vereinfachung, die zu diesem Effekt führt. Der starke Rhythmus von weissen Schottenwänden, roten Schalungen und weissen Balkenköpfen gliedert die langen Häuserzeilen.

In Schweden werden neue Siedlungen nicht selten in frisch gerodeten Waldflächen angelegt; dabei lässt man bewusst einen Teil der alten Bäume stehen. Um einen ähnlichen Effekt zu erzielen, liessen die Architekten in einem Hochmoor bei Wetzikon ausgewachsene Waldföhren ausgraben und in der Siedlung anpflanzen. Ein Vorgehen, das heute wohl nicht mehr ohne weiteres erlaubt würde. (...)

LESEPROBE 1 | KINDERREICH AU

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Giorgio von Arb
1952 geboren, lebt in Zürich. Ausbildung zum Fotografen an der Schule für Gestaltung Zürich, von 1981 bis 2001 Lehrtätigkeit an derselben Schule. Seit 1982 arbeitet er als freier Fotograf mit Schwergewicht Journalismus und Public Relations, diverse themenbezogene Buchpublikationen und Künstlermonografien, ab 1996 auch Projektleitung für Ausstellungen und Kunst-am-Bau-Aufträge.

Daniel Kurz
Historiker, 1957 geboren, lebt in Zürich. Zahlreiche
Publikationen, hauptsächlich zur Stadt- und Architekturgeschichte von
Zürich und zur Geschichte des Wohnens. Konzeption und Leitung von
Ausstellungen. Seit 2000 Informationsleiter im Amt für Hochbauten der Stadt
Zürich.

Stefan Keller
1958 geboren, lebt in Zürich. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er ist Redaktor bei der Wochenzeitung WoZ und Buchautor. Von ihm sind im Rotpunktverlag erschienen: 1998 «Grüningers Fall», 1999 «Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden», 2001 «Die Zeit der Fabriken» und 2003 «Die Rückkehr».

AUTOREN | KINDERREICH AU

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Tages-Anzeiger, August 2004
«Gesichter einer Stadt, Momente einer Zufallsgemeinschaft, eingefangen mit Respekt und Neugier, manchmal gar Komplizenschaft. Glanzlichter einer humanistischen Fotografie, die nie zur formalen Fingerübung verkommt, sich anpasst, immer wieder überrascht, ohne blosszustellen. So kennen und mögen wir die Bildreportagen von Giorgio von Arb.»

Neue Zürcher Zeitung, September 2004
«Heute leben 319 Kinder aus 15 Nationen in der Au. Sie wurden vom Zürcher Fotografen Giorgio von Arb mit viel Gefühl porträtiert. Entstanden sind Bilder eines lebendigen, multikulturellen Dorfs, keines Ghettos, wie man es angesichts des hohen Ausländeranteils erwarten könnte. Ergänzt werden die Kinder- und Familienbilder durch Texte des Journalisten Stefan Keller. [...] Der Historiker Daniel Kurz zeichnet die Entstehungsgeschichte der skandinavisch anmutenden Siedlung nach, die ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen wurde.»

Surprise, Oktober 2004
«Mit seinen unspektakulären Schwarzweiss-Fotos zeigt Giorgio von Arb das friedliche Leben in und neben diesen Sozialwohnungen: Sauber herausgeputzte Wohnstuben und gemütliche Grillgärten sieht man da, stolz posierende kinderreiche Familien vor ihrem Fernseher, mit nacktem Bauch werden Rabatten gegossen. WoZ-Autor Stefan Keller stellt in seinen Textpassagen die teils dramatischen, teils ganz gewöhnlichen Schicksale der Bewohner in ein wohnhistorisches Umfeld. Deutlich wird, was die Siedlung davor bewahrt haben dürfte, zum berüchtigten Ghetto zu werden: Hier steht nicht eine öde Ansammlung von lustlos hingeknallten Bauten, sondern ein eigentliches Dorf mit eigener Identität. Das sorgfältig gestaltete Buch ist eine herrlich frische Brise Alltag im sonst so intellektuell überfrachteten Bücherregal.»


ECHO | KINDERREICH AU

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