Seit die Fotografie erfunden ist, gibt es Selbstdarstellung mit dem Fotoapparat. Welche Blüten diese treiben kann, sieht man nun aufs Schönste in den Bildern, die mit dem Fotobot gemacht wurden. Wohl trainiert durch die Gesten der Selbstinszenierung und gut geübt im Umgang mit technischen Apparaten, inszenieren sich hier vor allem junge Leute: Zunge raus und schielen, Busen vor und Nase platt drücken, rauf mit dem Hund auf die Höhe der Kamera und hinein ins Vergnügen. Das Wichtigste ist das Spiel.

Mit einem Textbeitrag von Nadine Olonetzky.

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Gesichter der Schweiz    Nadine Olonetzky

Seit die Fotografie erfunden ist, gibt es Selbstdarstellung mit dem Fotoapparat. Fotografinnen und Fotografen experimentierten mit Selbstbildnissen und setzten sich vor dem Fotoapparat in Szene. Als 1972 die legendäre Polaroidkamera SX-70 auf den Markt kam, erlebte das Spiel mit sich und dem Medium einen Höhepunkt: Befreit von der Existenz eines Fotonegativs, also befreit vom neugierigen Blick des Fotolaboranten, konnten alle, auch Amateure und Künstler, mit dem eigenen Gesicht oder Körper experimentieren. Andy Warhol haben wir zu verdanken, dass 1) «alles schön» ist und dass 2) jeder Mensch irgendwann in seinem Leben «15 Minuten berühmt» ist. Welche Blüten die Selbstdarstellung dadurch treiben kann, sieht man heute allerdings nirgends besser als im Fernsehen. Tränen, Lebensbeichten, Liebesschwüre: Richtig wirklich wird die Wirklichkeit erst im Fernsehen!

Mindestens so schön zeigen sich die Blüten der Selbstinszenierung in den Bildern, die mit dem Fotobot gemacht wurden, dieser digitalen und öffentlichen Fortführung des Polaroidvergnügens. Da die Fotobotkamera auf einer Höhe von 1,50 m fest installiert ist, schaut sie aus dem gleichen Blickwinkel auf alle, die sich fotografieren. Wohl trainiert durch die Gesten der Selbstinszenierung, die alle am Fernsehen, der Hochburg der Fun-Gesellschaft, gesehen haben, wohl trainiert durch die lange Gewöhnung an die Fotografie und gut geübt im Umgang mit technischen Apparaten, inszeniert man sich vor dem Fotobot: Zunge raus und schielen, Busen vor und Nase platt drücken, rauf mit dem Hund auf die Höhe der Kamera und hinein ins Vergnügen. Das Wichtigste ist das Spiel. Den wenigsten ist die Teilnahme an einer kollektiven Bildersammlung wichtig oder bewusst, und nur einige inszenieren sich mit System: zum Beispiel jeden Tag um dieselbe Zeit. Die rund 620 000 Bilder, die bis jetzt zusammengekommen sind, zeigen die vielen Gesichter der Schweiz, einen Querschnitt durch die Bevölkerung, die unterschiedlichsten Menschen: hier Geborene, Eingewanderte und Touristen, Menschen, die alle zusammen die Schweiz ausmachen.
FOTOBOT hat sich den Drang zur Selbstinszenierung zunutze gemacht, die aus einem Passanten einen Portraitwilligen macht, zugleich aber auf vergleichsweise einfache Art ein fotografisches Zeitzeugnis für die Expo.02 geschaffen. Weniger melodramatisch als im Fernsehen feiert man den eigenen Bauchnabel, die Freundin, den Freund und den Hund: Alles ist schön, und – auch wenn man nicht wirklich berühmt wird – dabei sein ist alles!

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CyBerhelvetia.ch    Begegnung in 2 Welten

Die Digitaltechnik bestimmt unser Leben, unseren Alltag immer mehr. Als wäre es nichts Aussergewöhnliches, bewegen wir uns in einer virtuellen, durch Computer generierten und erweiterten Realität. Durch diese Erweiterung entstehen neue Möglichkeiten für Begegnungen und Kommunikation – zugleich verschwimmen aber auch die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Wie erleben wir diese Erweiterung unserer Wirklichkeit? Wie begegnen wir anderen Menschen im virtuellen Raum, wie kommunizieren wir mit ihnen, wie organisieren wir unser Zusammenleben in virtuellen Gemeinschaften? Wie verändert sich unsere Wahrnehmung? Das Expo.02-Projekt Cyberhelvetia.ch ermöglicht eine spielerische Annäherung an das Thema – mit der Begegnung in zwei Welten.

Cyberhelvetia.ch besteht aus zwei Teilen: zum einen aus der Ausstellung Pool auf der Arteplage Biel-Bienne, zum anderen aus der Internet-Community Cy auf www.cyberhelvetia.ch. Ergänzt werden Pool und Cy durch die Fotobots; diese übernehmen eine Botschafterfunktion: Für viele bildet ein Fotobot-Portrait den ersten Kontakt mit Cyberhelvetia.ch - das reale Selbstportrait wird so zum ersten Schritt in die virtuell erweiterte Wirklichkeit.

Pool, die Ausstellung auf dem Forum der Arteplage in Biel, erinnert von aussen an ein traditionelles Schweizer Seebad. Das vertraute Erscheinungsbild lässt auf eine wohl bekannte Nutzung im Inneren schliessen – man erwartet einen Ort der Begegnung und Erholung in der Art, wie er sich schon vor hundert Jahren an eben dieser Stelle befand. Doch die Zeiten haben sich geändert. Auch das gemeinsame Bad benötigt heute kein Wasser mehr. Stattdessen tauchen die Badegäste von Cyberhelvetia.ch in die vielschichtige Atmosphäre einer virtuell erweiterten Wirklichkeit ein. Anstelle des Schwimmbeckens entdecken sie einen geheimnisvoll leuchtenden Glaskubus, dessen Ausstrahlung den ganzen Raum erfasst. Gemeinsam mit den Besuchern im Internet füllen sie ihn mit fantasievollen digitalen Lebensformen, gestalten sein Inneres und verändern mit ihrer Neugier und Freude am Entdecken die Stimmung im Pavillon.

Die In.Cyder, die Bewohner der virtuellen Stadt Cy auf www.cyberhelvetia.ch, stammen aus allen vier Landesteilen, ja aus der ganzen Welt. Reale Menschen nehmen hier fiktive Identitäten an und entdecken neue Formen des Lebens im virtuellen Raum. Sie nutzen die verschiedenen Kommunikationsmittel von Cy zum ernst- oder lebhaften Gedanken- und Meinungsaustausch. Und mancher hat sich nach einem virtuellen Treffen schon gefragt: «Ist sie, was sie vorzugeben scheint, oder?»
Ein Besuch von Cyberhelvetia.ch lohnt sich – auf www.cyberhelvetia.ch oder in Biel an der Expo.02!

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