13 Studierende des Studiengangs Pressefotografie am MAZ – Die Schweizer Journalistenschule und die Autorin Simone Burgherr haben sich mit Kamera und Notizblock aufgemacht ins ferne Leben der Abgestiegenen und Untengebliebenen mitten unter uns.

FORTSETZUNG BUCHBESCHRIEB | RANDSTEIN STORYS

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EINBLICKE | RANDSTEIN STORYS

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... hmmm ... pfff ... puhhh ... äh ...

Mit achtzehn schmiss Küse Straub die Lehre als Schreiner und zog daheim aus, um auf der Strasse zu leben. Das war schon lange sein Traum. Er stellte es sich extrem genial vor: den ganzen Tag abhängen, nichts müssen, ein Leben voller Freiheit, Action, Abenteuer und er immer der Coole und Krasse. Nach zwei Jahren hat ihn die Realität eingeholt. «Dieses Nichtsmachen macht mich noch wahnsinnig», sagt er. «Es ist deprimierend und öde, voll abgekackt. Du tötest dich selbst ab.» Jetzt würde Küse gern wieder arbeiten. Um endlich wieder etwas zu erleben.

«Ich glaube, in Lyss haben wir die lockerste Polizei in der ganzen Schweiz. Wenn irgendwer reklamiert, weil meine Kumpels und ich draussen pennen – wie zum Beispiel letzten Sommer unter dem Vordach eines Tennisclub-Häuschens – oder eine Hütte besetzen, gucken die mal vorbei, meinen, wir sollten Ordnung halten, dann sei das okay – wenn uns die Gemeinde schon keine andere Lösung anbieten könne. Voll geil. Vom Sozialamt kriegen wir keine Wohnung bezahlt, wir seien nicht fähig zu wohnen. Gut, die Bude des Kollegen sah bei unserem Auszug schon strub aus, es war eine einzige Müllhalde. Trotzdem könnten die uns eine Chance geben, wir sind schliesslich älter geworden.
Ich lebe seit zwei Jahren auf der Strasse. Mit achtzehn brach ich die Schreinerlehre ab, weil ich vom Chef nur Zusammenschisse kassierte. Vielleicht war ich schon nicht der Schnellste, aber ich gab alles. Ein halbes Jahr jobbte ich rum, wenn ich gerade Stutz brauchte. Sonst machte ich nichts. Ich fühlte mich voll gefangen in diesem bürgerlichen, angepassten Leben, wollte weg, hatte aber null Ahnung, was ich wirklich suchte. Oft trieb ich mich in Bern am Bahnhof oder auf der Schanze
herum und quatschte mit den Typen dort. Ich hoffte, die könnten mir zeigen, wie das geht mit dem Leben. Ich hab die voll angehimmelt, vor allem die Punks, die waren, wie ich sein wollte: total extrem. Ich diskutierte mit ihnen stundenlang, über den Kampf gegen das System und so Zeug. Diese kapitalistische Gesellschaft, wo jeder nur egoistisch Geld, Erfolg und Macht nachrennt, wo nur die Leistung zählt und nicht der Mensch – damit kam ich nicht zurecht und wollte das auch nicht. Für mich gab es nur einen Weg: Verweigerung und Verzicht auf alles Materielle. Wie die Punks. Ich lief bald auch rum wie die, doch damals hatte ich noch nicht den Mut, so zu leben. Manchmal kotzte mich meine Feigheit so an, dass ich voll auf den Depro kam, denn in meinen Augen war ich um nichts besser als die Spiessbürger, die ich verachtete.
Irgendwann brauchte ich wieder Stutz. Ich fand eine Stelle in einer Gärtnerei, da gefiel es mir, der Chef war schwer in Ordnung, er meinte es wirklich gut. Mit ihm konnte ich auch reden, er wusste, dass ich es gerade schwierig hatte. Denn etwa zu der Zeit zog ich daheim aus, weil ich voll den Streit mit meinen Eltern bekam: wegen dem Trinken, der Musik, dem Aussehen, meinen Kumpels, meiner Einstellung – einfach wegen allem. Meine Eltern sind schwer christlich, sie leben in einer anderen Welt, sind strikte gegen Alkohol und Popmusik und so. Zunächst kam ich bei einem Kollegen unter, nach drei, vier Monaten zog ich in ein besetztes Haus, in Thun. Das war das Wildeste und Geilste, was ich je erlebt habe. So lustig wurde es nie wieder. Solange es noch Bier hatte, ging keiner pennen. Ich muss am Morgen jeweils drein gesehen haben – manchmal schickte der Chef mich gleich wieder heim. Ich hatte einfach anderes im Kopf. Es kam so weit, dass ich vergass, dass ich am nächsten Tag bügeln müsste. Ich feierte irgendwo am anderen Ende der Schweiz ab und auf einmal, wenn natürlich längst kein Zug mehr fuhr, kam mir in den Sinn: Scheisse, ich muss morgen ja arbeiten.
Der Chef hatte echt Geduld, aber irgendwann konnte er es nicht mehr tolerieren. Er meinte aber, ich könne jederzeit wieder bei ihm anfragen, wenn ich das mit dem Saufen im Griff hätte. Ich hab damals wirklich schwer getrunken. Eigentlich ruhte ich mich bei der Arbeit aus, um abends wieder fit zu sein zum Absumpfen. Ich war nicht mehr fähig zu bügeln und hatte auch voll den Anschiss. Arbeiten, fand ich, würde mir nicht gut tun, und sowieso, ich hätte für den Rest meines Lebens genug gearbeitet. Ich erinnere mich genau an den Abend meiner Kündigung: Um zum Bahnhof zu kommen, wo mein Zug nach Thun abfuhr, muss man einen Stutz runter, von wo aus man über die ganze Stadt sieht. Als ich da oben stand, ging gerade die Sonne unter – das war so gewaltig, so schön. Ich kam mir vor wie der König dieser Welt. Als wäre das extra für mich gemacht. Ich sah es als Zeichen, dass das mit der Kündigung richtig gewesen war. Den ganzen letzten Lohn gab ich aus für Bier für alle. Ich fühlte mich endlich frei. Von nun an, dachte ich, würde ich nur noch machen, was ich will. Vor allem nichts machen – das stellte ich mir extrem schön vor: abhängen, in den Tag hinein leben, nichts müssen ...
Ich malte mir das Leben auf der Gasse aus wie in diesen Filmen, ‹Easy Rider› oder ‹Leaving Las Vegas›: Freiheit, Action, Abenteuer. Ich dachte, kein Tag würde sein wie der andere, es würde voll abgehen, immer wäre was los, immer spannend und lustig. Ein Leben voll gelebter Sehnsüchte und Abstürze, total gefährlich, und du bist immer der Coole und Krasse. Ich wollte mich einfach treiben lassen, ohne Ziel, ohne Richtung, aber immer in Bewegung. Ich hatte extrem viele Pläne und Träume: skaten, zeichnen, Musik machen, mit andern eine Wagenburg bauen ... aber easy, null Stress. Anfangs war es wirklich noch lustig. Wir hatten immer was zu diskutieren, machen, organisieren. Doch irgendwann ist eben fertig geplaudert und getan. Es ist krass, wie schnell du dich zu nichts mehr aufraffen kannst, du merkst es gar nicht. Schon nach wenigen Wochen auf der Gasse kam ich nicht mal mehr auf die Idee, dass ich etwas tun könnte. Ich vergass es einfach. Ehrlich. Ich hab absolut unterschätzt, wie schwer es ist, sich selbst zu motivieren. Ich war überzeugt, ich würde dann meine Dinge durchziehen. Als ich noch arbeitete, konnte ich zum Beispiel nicht schlafen gehen, ohne geskatet zu haben. Auf der Gasse dachte ich bald nicht mal mehr daran. Ich zeichne auch extrem gern und wollte mich voll dem widmen, um vielleicht die Aufnahme in die Kunstklasse zu schaffen. Doch auch dieser Plan entfiel mir irgendwie. Je weniger du machen musst, umso weniger machst du, und umso weniger magst du machen. Du wartest im Grunde einfach darauf, dass etwas passiert. Wir fragen uns ständig: Wo ist was los. Und dann ist immer noch nichts los. Manchmal versuchen wir uns Mühe zu geben und etwas zu reissen. Wir sind voller Tatendrang, haben jene Ideen und Pläne, flippen ein paar Stunden im Zeug herum, doch dann ... Es ist voll öde und deprimierend. Ab und zu geben wir ein, zwei Stunden nur so Geräusche von uns: hmmm ... pfff ... puhhh ... äh ... gib mir mal ein Bier ... ähmmm ... phhff ... hmhm ... uhh ... huhh ... hast du mir den Joint ... ähämm ... pfff ...
Ich wollte mich nicht in dieses Hamsterrad der Gesellschaft, diesen ewigen Trott einspannen lassen: Bis zur Pensionierung jeden Tag zur selben Zeit in der Bude, immer dasselbe tun, zur selben Zeit Feierabend – das ist für mich voll der Horror. Und was mache ich heute? Jeden Tag nach dem Aufstehen fahr ich am späteren Vormittag nach Bern oder Biel, um Surprise zu verkaufen oder zu mischeln, also betteln, nehme den Zug zurück, geh in die Heilsarmee duschen, latsch in den Park und hänge mit immer den gleichen Leuten ab, esse in der Heilsarmee, sauf mit meinen Kumpels noch ein paar Bier und geh dann pennen. Jeden Tag. Immer. Manchmal halt ich das voll nicht mehr aus, das Nichtsmachen macht mich wahnsinnig. Wenn ich dann noch Geld habe, saufe und kiffe ich möglichst viel und schnell, um mich entweder einzuschläfern und dem Scheiss zu entkommen, oder weil ich denke, mit einer Vollscheibe durch die Stadt zu laufen, wird bestimmt lustig. Es war noch nie lustig. So zu leben ist extrem abgekackt. Du tötest dich selbst ab. Ich bin voll im Stillstand versackt, drehe mich nur im Kreis und um mich selbst, ich grüble hin und her und komme keinen Millimeter weiter. Ich fühle mich wie ein leerer Kanister, ich kann noch so drücken und pressen, es kommt nichts mehr raus. Ich erlebe ja nichts. Es kommt nichts Neues dazu. Ich habe nichts zu erzählen. Als ich diesen Job in der Gärtnerei hatte und nur abends auf die Gasse kam, das war ein ganz anderes Feeling. Ich laberte jeden zu mit all dem, was mir wieder passiert war ... Irgendwie war ich huere stolz und zufrieden, weil ich etwas geschafft hatte. Das fehlt mir. Das braucht man doch. Wenn ich einen Job hätte, würde ich auch weniger trinken, nur meine Bier am Feierabend. Die könnte ich wieder geniessen. Wenn du aber schon zum Aufstehen dein Bier brauchst ...
Letzten Sommer machte ich auf einem Bauernhof eine Therapie. Am Anfang wars recht strub, nur schon am Morgen aufzustehen und einen geregelten Tagesablauf zu haben. Aber irgendwo hat es mir auch Spass gemacht, ich sah, dass Arbeiten noch cool sein kann. Kaum auf der Gasse, hab ich zwar wieder angefangen zu trinken, trotzdem hat mir diese Auszeit gut getan. Es war eine Standortbestimmung. Vorher wusste ich gar nicht mehr, was ich da eigentlich tue. Im Entzug wurde mir bewusst, was ich alles falsch gemacht hatte und was ich hätte anders machen müssen. Es ist noch krass, wie du dich an Illusionen klammerst, weil du nichts anderes hast oder weil es verdammt wehtäte, dich der Realität zu stellen. Ich redete mir das Leben auf der Gasse schön und hab irgendwie nicht gerafft, wie beschissen es ist. Ich merkte auch, dass ich oft so ein Arschloch war. Eigentlich nur wegen Kleinigkeiten, aber die summieren sich. Also, zum Beispiel, wenn ich mit Kollegen unterwegs war, die arbeiteten, fragte ich die ständig nach Zigis. An einem Abend hast du denen schnell ein halbes Päckli weggeraucht. Irgendwann hängte es ihnen aus. Heute versteh ich das, damals fand ich, sie seien Kapitalisten, sie hätten schliesslich Stutz und ich sei ein armes Schwein, das auf der Strasse leben und betteln müsse. Dass ich auch arbeiten könnte, kam mir nicht in den Sinn – ich war so ein Dubel. Ich hielt mich lange für oberschlau und vollkrass, weil ich mich mit Mischeln durchschlug, und sah auf all die Spiessbürger runter, die sklavisch ihre acht Stunden am Tag bügeln und ohne Bankkonto nicht leben können. Die nicht mal mehr wissen, dass man auch ohne Auto und Fernseher glücklich sein kann, weil sie ihr ganzes Ego auf Materiellem aufbauen.
In der Therapie ging mir auf, dass ich im Grunde genau so bin und dasselbe tue wie sie. Ich mein, wenn ich am Morgen aufstehe, muss ich auch zuerst schauen, wie ich zu Geld komme, für mein Bier. Ich stress sehr viel dem Geld nach. Es ist voll beschissen: Geld ist mir eigentlich so was von egal, aber wenn du keins hast, denkst du ständig daran. Es beherrscht dich völlig. Du bist genauso abhängig von Materiellem, wenigstens im Kopf. Ich brauche auch recht viel Geld. Als ich erstmals Stutz vom Sozialamt erhielt, einen Hunderter in der Woche, dachte ich: Wow, so viel Geld. Doch nach zwei Tagen merkte ich: Shit, das reicht mir nie. Mir war absolut nicht bewusst, wie viel Geld ich ausgebe. Ich hab schon immer nur einen Fünfliber oder so im Sack, weil, ich vertrink das Geld laufend. Ich muss mein Bier haben, nüchtern kann ich nicht mischeln. Aber an sich hab ich mehr Geld zur Verfügung als viele andere, obwohl ich am Betteln bin. Das finde ich noch krass.
Sobald ich aus dem Knast raus bin, suche ich mir einen Job. Ich muss für zweieinhalb Monate rein, Bussen abhocken wegen Schwarzfahren. Mit meinen letzten ein, zwei Franken kaufte ich mir halt lieber Bier statt ein Billet. Ohne Bier Zug zu fahren schien mir unmöglich. Dass sich die Bussen mit der Zeit so summieren, war mir nicht bewusst, ehrlich. Es ist noch verrückt, wie du das, was du nicht sehen willst, einfach verdrängst. Du zimmerst dir voll deine eigene Realität zusammen. Ich höre oft deutschen Punk mit ihrem ‹Wir werden siegen, blabli blabla›. Du glaubst schon nicht wirklich daran, aber wenn du Sorgen hast und hörst so ein Lied, bist du wieder beruhigt, du denkst: Wir sind stark, wir sind im Recht. Du merkst nicht, dass du voll daneben liegst und dich zum Teil echt idiotisch verhältst. Wenn ich heute die Leute sehe mit ihrem Getue und Geliere von wegen Kampf gegen das System – wenn es nicht so traurig wäre, wäre es nur lächerlich. Die schlagen ein paar Scheiben ein, liefern sich mit Bullen eine Strassenschlacht und sehen sich als Kämpfer gegen das Kapital. Sie meinen, sie bewirkten etwas und fühlen sich noch gut, dabei ist es nur kontraproduktiv. Da könnte ich schreien und heulen, das regt mich so was von auf. Wer behauptet, gegen das System zu kämpfen ... das ist doch nur eine Ausrede, dass du aus deinem Leben nichts machst. Solange du einfach rummotzt und dein Leben nicht einigermassen auf der Reihe hast, wirst du nie was verändern. Das war mir auch lange nicht bewusst.
Ich stelle es mir voll schön vor, wieder zu arbeiten. Am liebsten würde ich was in der Natur machen, Gärtner oder Forstwart, Bau wäre aber auch okay. Ich würde abends sicher noch meine Bier trinken und mit den andern abhängen – aber das wäre etwas anderes. Ich merke irgendwie, dass ich älter werde und mehr Sicherheit suche: einen festen Job, ein gesichertes Einkommen, eine Wohnung. Wenn ich einen Job habe ... ich glaube, ich würde es mir erst einmal richtig gut gehen lassen. Mir alles leisten, wonach mir gerade ist. Ich mein, eigentlich brauchst du schon nichts – aber so ist das Leben wirklich trüb. Der Mensch braucht doch Dinge, die ihm Spass machen oder gut tun, die er geniessen kann. Nach dieser Zeit auf der Gasse könnte ich auch all so kleine Sachen wieder voll geniessen, ich wüsste sie viel mehr zu schätzen.
Ich muss schon sagen: Auch wenn ich mit meinen Träumen vom Gassenleben voll auf die Schnauze gefallen bin – ich bin trotz allem froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Wenn ich andere aus meiner früheren Schulklasse sehe, die nur dem Geld und der Karriere nachjagten ... die sind schon mit zwanzig alt und abgelöscht. Haben keine Träume mehr, erwarten nichts mehr vom Leben. Da bin ich lieber so, wie ich bin – auch wenn ich meine Krisen schiebe und meine Knörze habe. Klar hab ich manchmal meine Komplexe, komme mir als Volldubel vor, der nichts auf die Reihe kriegt: Ich hab keine Ausbildung, keinen Job, keine Wohnung, kein Geld, keine Karriere, kein gar nichts. Dafür hab ich andere Erfahrungen. Ich stelle mir das Leben als Puzzle vor, und in meinem Lebenspuzzle brauchte es diesen Teil halt. Doch nun muss und will ich ein paar neue Teile einsetzen. Ich will etwas tun und erleben, möchte weiterkommen. Am meisten Angst hab ich vor einem stinknormalen Leben – doch ich glaub, das liegt weit gehend an dir, was du auch machst, es kommt drauf an, dass du was machst.
Wie ich mir die Zukunft vorstelle? Ich will das mit dem Arbeiten jetzt durchziehen. Ich möchte nicht unbedingt immer voll arbeiten, so 60 Prozent wäre ideal, ich will auch noch Zeit für meine Dinge. Aber jetzt will ich mal voll dahinter. Und etwas Geld auf die Seite legen und dann reisen. Einer meiner besten Kollegen ist auch nur abgehängt, und plötzlich fing der an zu arbeiten und zu sparen – und jetzt wandert er in Australien herum. Ich bin recht neidisch auf den. Der macht etwas aus seinem Leben, er erlebt sicher wahnsinnig viel. Er sagte immer zu mir: Mach etwas aus dir. Doch damals fand ich: Was liert denn der, Nichtsmachen ist das Schönste. Da wusste ich es eben noch nicht besser.»
(Quote)
«Schon nach wenigen Wochen auf der Gasse kam ich nicht mal mehr auf die Idee, dass ich etwas tun könnte. Ich vergass es einfach. Ehrlich. Es ist krass, wie schnell du dich zu nichts mehr aufraffen kannst.»

LESEPROBE 1 | RANDSTEIN STORYS

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«Die meisten Leute sind wirklich ganz okay, manche auch total nett, die bringen mir immer mal wieder ein Weggli oder eine Ovo vorbei und quatschen ein bisschen. Das freut mich mega. Mich nervt nur eins: Wenn Leute unauffällig hinter mir durchhuschen. Ich zwing doch niemanden, ein Heftli zu kaufen. Und vor allem bin ich doch nicht Luft.»

LESEPROBE 2 | RANDSTEIN STORYS

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Simone Burgherr arbeitet seit rund 15 Jahren als Journalistin. Sie beschäftigt sich in ihren Texten vor allem mit sozialen Themen, gibt Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört werden, und will hinter all den Bildern und Klischees über so genannt Randständige den individuellen Menschen spürbar machen. Seit 1999 arbeitet sie beim Strassenmagazin Surprise, zuerst als Reporterin, dann als Chefredaktorin und seit Anfang 2004 als Leiterin Verlagsprojekte. «Randstein Storys» ist – nach einem Buch über gewalttätige Kids und einem über Saisonnierkinder, die mitten in der Schweiz versteckt im Untergrund leben, sowie einer Best Of Reportagensammlung – ihre vierte grössere Publikation.

AUTORIN | RANDSTEIN STORYS

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Neue Zürcher Zeitung, März 2005
«Lars möchte Tramfahrer werden, aber als Behinderter hat er keine Aussichten darauf, diesen Traum je verwirklichen zu können. Katrin suchte nach der Romantik des Lebens auf der Strasse und musste feststellen, dass die ‹Gasse› so kapitalistisch, rücksichtslos und konsumorientiert ist wie jede andere Gesellschaftsschicht. Lisbeth fand nach dem Konkurs des Betriebs, für den sie jahrelang als ‹Mädchen für alles› arbeitete, trotz Hunderten von Bewerbungen keine Stelle mehr. Marika glaubt von sich, sie sei dumm und dick und anders, und fragt sich, warum sie immer abgelehnt wird und nicht wie alle andern sein kann. Max verlor seine Stelle als Lastwagenchauffeur, nachdem seine Frau durch eine tragische Vergiftung mit Herbstzeitlosenblättern ums Leben gekommen war. Bei Roli ging nach einer abgebrochenen Maurerlehre ‹irgendetwas schief›. Mit 34 Jahren ist er arbeitslos, verschuldet und hat auch noch seine Wohnung verloren. Urs rauchte 25 Jahre lang Heroin, bis er im letzten Dezember an den Folgen seines Drogenkonsums starb. Die Rede ist von den Verkäuferinnen und Verkäufern des Strassenmagazins ‹Surprise›. Sie sind die Hauptpersonen des Buchs ‹Randstein Storys› der Autorin Simone Burgherr. [...]
Burgherr wollte mit dem Buch nicht zuletzt gegen Klischees anschreiben und den Ausgegrenzten ein Gesicht geben, wie sie sagt. Tatsächlich fällt die enorme Vielfalt der Lebensgeschichten auf und auch, wie viel Energie die Verkäuferinnen und Verkäufer aufbringen, um trotz ihrem engen Spielraum und den begrenzten Perspektiven ihrem Leben etwas Positives, Lustiges oder auch Sinnstiftendes abzuringen. Da ist Peter Gamma, ein Verkäufer, der schon sehr lange bei ‹Surprise› dabei ist und der in einem Jassturnier eine Woche Ferien in Arosa gewann. Oder die drogenabhängige Katrin, die von einer fremden Frau um Rat gebeten wird, wie sie mit ihrem drogensüchtigen Sohn umgehen soll – und diesen auch bereitwillig erteilt.»



ECHO | RANDSTEIN STORYS

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