… Die Menschen am Polarkreis leben mit den Extremen, und sie leben von dem, was die Natur ihnen bietet: Fisch, Wal, Seehund, Eisbär und Rentier. Markus Bühler-Rasom war mit den Jägern auf dem Eis, in der Tundra und auf dem Meer. Er lebte aber auch bei den Familien in den nördlichsten Siedlungen und zeigt so ein ganz und gar zeitgenössisches Bild vom Lebensraum der Inuit zwischen archaischer Tradition und modernem Lebensstil.

FORTSETZUNG BUCHBESCHRIEB | INUIT: LEBEN AM RANDE DER WELT

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MOVIE | INUIT: LEBEN AM RANDE DER WELT

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Markus Bühler-Rasom ist freischaffender Fotograf. Seine Reportagen erscheinen in GEO, Stern, Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, Das Magazin, du und Time Magazine. Seit 1997 arbeitet er am Thema Ernährung bei den Inuit in Nordgrönland.

Helene Risager ist Journalistin und profunde Kennerin Grönlands. Sie ist in Ummannk, Nordgrönland, geboren und aufgewachsen. Sie lebt heute in Kopenhagen.

Denise Daenzer ist Kuratorin im Nordamerika Native Museum NONAM, Zürich. Sie studierte Kunst- und Religionsethnologie und war lange Jahre Dozentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ).



AUTOREN | INUIT: LEBEN AM RANDE DER WELT

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ReiseBlick
«Ein eindrücklicher Bildband samt Tagebuch für alle Fans des Hohen Nordens.»

Barbara Basting, Tages-Anzeiger
«In dem vom Zürcher Kontrast-Verlag in gewohnt hoher Qualität produzierten Fotobuch ‹Inuit› sind Bühler-Rasoms umfassende Recherchen nun zu einer reichhaltigen Bilderzählung komponiert. Neben grossartigen Naturaufnahmen, an denen man höchstens die fast unumgängliche Nähe zu Hochglanz-Fotokalendern bemängeln könnte, hat der Fotograf dank seiner langjährigen persönlichen Kontakte und intensiven Auseinandersetzung mit dem Sujet vor allem tiefe Einblicke in den Alltag der dort lebenden Menschen gewonnen. Deren Existenzgrundlage ist übrigens immer noch hauptsächlich die Robben- und Waljagd (rund 100 Kilo Robbenfleisch pro Person und Jahr verdrücken sie), obwohl es längst Supermärkte mit Südfrüchten gibt, wenn auch weit weniger gut sortiert als bei uns.

Man sieht folgerichtig Männer in archaischer Kleidung aus Eisbären- und Seehundfell, die Eislöcher aufhacken, und ein paar Seiten weiter Teenager in Jeans und T-Shirt, die Billard spielen oder einen Breakdance hinlegen. Diese Bilder und die Spannungsfelder, die sie sichtbar machen, sind weit entfernt von jeder Beschönigung oder einem exotisierenden Blick. Über die beiden einführenden Texte hinaus, die knapp und kenntnisreich die Situation Grönlands skizzieren, liefert ein liebevoll gestaltetes Booklet mit den Tagebucheinträgen und Skizzen Bühlers samt Hinweisen auf die zugehörigen Fotografien weitere Informationen.»

Sascha Renner, Züri-Tipp
«Euphorie und Niedergeschlagenheit lagen während der Arbeit nah zusammen: ‹Das Reisen mit dem Hundeschlitten ist etwas Grossartiges, man möchte Jubeln vor Glück.› Ein andermal, als ein Sturm die Jäger erneut zur Umkehr zwang, schrieb der Fotograf in sein Tagebuch: ‹Die Ereignislosigkeit ist kaum mehr zu toppen.› Trotzdem zieht es den Mann mit der Eisbärenkralle um den Hals immer wieder zurück. Längst ist er zum Ethnografen und profunden Kenner der Inuit-Kultur geworden, einer Kultur, die sich derzeit unter dem Einfluss der Globalisierung rasant wandelt. ‹Aber das Leben auf dem Eis, auf der Jagd», sagt Bühler-Rasom, «ist so wie vor Jahrhunderten schon.›

Das Jagdglück lässt sich jedoch nicht erzwingen. ‹Das Warten auf den Wal›, erinnert er sich, ‹dieses 14-stündige Rumsitzen, Ausschauhalten und Frieren im Wind macht einen fast verrückt›. Irgendwann klappte es. Vierzig Tonnen Fleisch, Fett und Gedärme liegen auf dem nackten Fels, darauf Männer wie Gullivers Zwerge. Das Ultraweitwinkel, die Nahsicht, das Ausschnitthafte ist ein Stilmittel, das Bühler oft einsetzt, um der Dramatik gerecht zu werden. Dagegen setzt er immer wieder Panoramen einer Landschaft, die unendlich viele Gesichter hat: ein wild zerklüftetes, ein zart poetisches, ein rissiges wie Elefantenhaut.

Auf dem Eis arbeitet Bühler-Rasom ausschliesslich mit mechanischen Kleinbildkameras, die selbst dann funktionieren, wenn Kondenswasser aus ihnen tropft. Und nicht zuletzt ist der analoge Film im Vergleich zum digitalen Bild ein Medium, das die Jahrhunderte unbeschadet übersteht – ein Argument für einen Chronisten, der ein Zeitdokument für die Nachwelt erstellt. Denn der Wettlauf der Polarstaaten um die Bodenschätze der Arktis hat begonnen, kurze Schiffswege und Öl locken, und die Klimaerwärmung wirkt sich nirgends verheerender aus als innerhalb der Polarkreise. Die Zukunft der Inuit scheint ungewiss.

Trotzdem ist der Fotograf nicht pessimistisch. Am romantisierten Bild des edlen Naturvolks festzuhalten ist ihm ebenso zuwider wie die Fokussierung auf die Misere, den Alkohol, die Hoffnungslosigkeit. Stattdessen entwirft die Ausstellung – und der schön edierte Begleitband samt Tagebuch-Faksimile – ein fein ziseliertes, kunstvolles und ganz und gar zeitgenössisches Epos einer einzigartigen Lebensgemeinschaft am Ende der Welt.»



ECHO | INUIT: LEBEN AM RANDE DER WELT

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Sonntagsblick Magazin, Gabrielle Kleinert
EIN GESPÜR FÜR SCHNEE

SonntagsBlick Magazin: Frieren Sie gerne, Herr Bühler-Rasom?
Markus Bühler-Rasom: Ich schwitze nicht gerne. Und gegen Kälte kann ich mich viel besser schützen als gegen Hitze.

Aber irgendwann ist Kälte doch nicht mehr zum Aushalten, oder?
Natürlich. Auch ich komme immer wieder an einen Punkt, an dem ich denke: So, jetzt ist fertig. Das überlebe ich nicht.

Bei wie vielen Minusgraden ist es so weit?
Es fängt bei etwa minus 30 Grad an. Einfach dann, wenn ich meine Füsse überhaupt nicht mehr spüre. Dann wird es richtig schmerzhaft. Schrecklich.

Und warum gehen Sie trotzdem immer wieder zurück in die Eiswelt?
Ich bin einfach fasziniert vom Leben in der Arktis und den riesigen Eiswüsten. Nichts und niemand lenkt mich in dieser Landschaft ab. Kein Baum, kein Haus, keine Strasse. Meine Gedanken sind so frei wie nirgendwo sonst. Darauf kann ich nicht mehr verzichten. Und natürlich auch nicht auf meine Freunde dort oben, die Inuit. Ein zäher Volksstamm.

Sie meinen die Eskimo?
Eskimo sagt heute keiner mehr, das Wort bedeutet übersetzt «Rohfleischesser» und ist politisch nicht korrekt. Inuit heisst «Mensch». Und so wollen die Einheimischen genannt werden.

Haben Sie ein eigenes Iglu, Herr Bühler-Rasom?
Das wäre schön. Aber die Inuit bewohnen kleine Holzhäuser oder Baracken. Bei meiner ersten Reise wurde ich bei einer einheimischen Familie einquartiert. Und dort wohne ich noch heute, wenn ich wieder einmal zu Besuch bin. Das Oberhaupt, Simon Eliassen, ist inzwischen ein guter Freund von mir. Er ist der beste Bärenjäger Grönlands.

Eisbären sind vom Aussterben bedroht.
Für die Inuit ist der Eisbär überlebensnotwendig – ohne Eisbär kein Leben. Der Inuit braucht alles von dem Tier, hinterlässt keine Abfälle. Das Fleisch isst er. Aus den Zähnen und Krallen macht er Werkzeuge oder Schmuck. Und das Fell schützt vor Kälte und Wasser besser als jede chemische Faser. Ich selbst trage auch nur Eisbärenfell, wenn ich in Grönland bin.

Haben Sie etwa auch schon selbst einen Eisbären erlegt?
Das würde ich nie tun! Aber ich fotografiere das Leben der Inuit, und da gehört die Eisbärenjagd nun mal dazu. Ich war letztes Jahr dabei, als ein Tier gejagt wurde – ein faszinierendes Erlebnis. Es ist nämlich schwer, einen Bären zu finden – die Tiere sind gut getarnt und legen riesige Strecken zurück. Nur ein guter Jäger spürt einen Eisbären auf. Es ist ein anstrengendes Abenteuer.

War das Bärenfleisch lecker?
Eigentlich schmeckt es nach Rindfleisch, ist aber viel fetthaltiger. Es hält den Körper über Stunden warm, und ohne dieses Fleisch hätte ich in der Kälte nicht überlebt. Ich habe zu Beginn meiner Reisen einmal einen Teller Spaghetti gegessen und bin danach hinaus ins Eis. Nach einer halben Stunde war mir schon bitterkalt und ich hatte keine Energiereserven mehr.

Gibt es ein spezielles Rezept à la Eisbär?

Das Fleisch muss sehr lange gekocht werden, wie Siedfleisch. Mindestens drei Stunden. Der Eisbär steht am Ende der Nahrungskette und sein Fleisch enthält ziemlich viele Parasiten.

Und womit serviert man Eisbärensteak? Mit Eisbärensteak. Es gibt nichts dazu.

Sprechen Sie mit den Inuit über die Klimaveränderung?
Vor ein paar Tagen habe ich mit meinem Freund Simon Eliassen telefoniert. Ende Oktober sollten die Eisschollen längst zu einer dicken, festen Eisfläche zusammengewachsen sein. Er hat mir aber erzählt, dass noch keine Eisdecke in Sicht ist. Es sei zu warm. Das sind tragische Neuigkeiten.

Welche Auswirkungen haben sie auf das Leben des Jägers?
Das ganze Leben verändert sich. Manchmal muss der Inuit wochenlang mit den Huskys durch das Eis ziehen, bis er Beute entdeckt. Die Bären ziehen immer weiter weg. Und Seehunde gibt es auch immer weniger.

Sterben die etwa auch aus?
Ohne Eis bleiben die Seehunde weg. Die Tiere brauchen das Eis, um sich darauf auszuruhen und ihre Jungen zur Welt zu bringen. Wenn sich keine Eisschollen zu einer Fläche zusammenschliessen, können sie dies nicht tun. Sie sind aber das Grundnahrungsmittel der Eisbären – und der Inuit. Und wenn die Erwärmung in diesem Masse weitergeht wie bisher? Dann gibt es die Kultur der Inuit nicht mehr lange.



INTERVIEW | INUIT: LEBEN AM RANDE DER WELT

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